Nordindien 2010. Ein Brief

Gute Nacht und guten Morgen, Sir!
Sehr spät antwortet mein Brief auf Deinen guten Flug, sehr schöner Glückwunsch, es war auch so, ein Flug insgesamt, herzlichen Dank! Ich kann nurmehr wünschen, einen guten Flug gehabt zu haben oder besser: einen guten Ritt? Mit den schönen Wolken…
Delhi
Ja, wir reisten auf Spuren, nicht drauflos, sondern sehr kontrolliert in einer organisierten Gruppenreise: vier Wochen Nordindien und Nepal. Wir flogen Delhi an, wo ich einen Tag und eine Nacht kotzend im Hotelzimmer verbrachte, nachdem mich der Flieger dort am Flughafen ausgeworfen hatte in eine andere Welt… Wahrscheinlich war ich dem Flieger genauso fremd, wie ich der Stadt Delhi fremd war, und mir die ganzen Bakterien und Viren, die da so rumschwirrten. Die Stadt allerdings spie uns nicht aus, in ihrem Rachen wehrten wir uns gegen das Verschlungenwerden, don’t lose controll, Überfall, Attacke auf die Sinne, Chaos Dreck Schönheit nichts stimmt mehr, nichts und niemand lässt uns in Ruhe, der Müll nicht, der Gestank nicht, der Duft der Räucherkerzen, die bunten Saris der Frauen, die Anmut ihrer Bewegungen, der Gesang aus den Tempeln, eine Anmutung, Zumutung, abgerissene Zelte auf Verkehrsinseln, bettelnde Kinderhände, knock knock out syntax error Erstarrung, Weisung sich nicht zu rühren, es könnte eine falsche Bewegung sein – sich nicht zu rühren, nicht rühren zu lassen weitergehen weiter, Reebok, Coca Cola, hupende Autos, Kampf in den Straßen, wer sich hier behauptet, überlebt, wir saßen in einem richtigen Auto, wir hatten gute Karten, wir kamen zum Connaught-Place mit seinem United Coffee Shop, wo wir Wein und Bier tranken und gut aßen, sehr gut. In einem Auto gleitet alles an einem vorbei, auch wenn es manchmal gefährlich nahe kommt, auch wenn es hupt oder klingelt.
Jaipur
Dann flogen wir mit dem Auto über die Landstraße nach Jaipur. (Gut, zugegeben: wie im Flug ging das auf dieser Schnellstraße nicht….) In Jaipur stießen wir auf unsere Gruppe und wechselten in einen Bus. Der Reisebegleiter war ein emeritierter Geologieprofessor aus Gießen, ein ausgesprochen freundlicher, kluger und kundiger Mensch, der lange Zeit in Indonesien gelebt hat. Die Gruppe bestand aus 17 Personen, von denen ich die jüngste war. Lauter reiseerfahrene Leute, vorher meistenteils individualreisend unterwegs, das klappte auch gut (auch wenn ein, zwei Leute darunter waren, die der Müll und der Dreck in Indien übermäßig beschäftigte…).

In der Altstadt von Jaipur baute sich Hawa Mahal, der „Palast der Winde“, als eindrucksvolle Fassade mit seinen über neunhundert Fenstern vor uns auf, und die Haremsdamen vergangener Zeiten erschienen als flüchtige Schemen dahinter, während uns Souvenirhändler davor Schals und Taschen anboten, very good price. Es war nicht festzustellen, ob die Haremsdamen glücklich gewesen waren. Auch nicht, ob der Herrscher glücklich war, der diese aufwendigen Ränge erbauen ließ, damit seine Frauen ungesehen die großen Festumzüge beobachten konnten. (Man konnte allerdings die Eleganz der Fassade bewundern, die ihre Auszeichnung als touristisches Highlight verdient hat.) Ich nahm das strahlende Lächeln eines Händlers mit in den Reisebus, das er mir schenkte, obwohl ich nichts gekauft hatte.

Im Kino suchten wir eine mediale Begegnung der Gegenwart und schauten uns den Bollywood-Film „Three Idiots“ an. Wir hatten nicht die Ränge der Haremsdamen, aber die Extra-Loge zum Aufpreis, was dem etwa entspricht. Unter uns auf den Standardplätzen verfolgte ein Kinopublikum die Handlung, klatschte, schrie, lachte, weinte… In der Loge saßen wir, europäische Reisende mit Geld und medialer Erfahrung, deren Muster wir nun auf einen Film in Hindi anwendeten, um die Handlung einigermaßen nachzuvollziehen (ungefähr gelang uns das wohl auch, wie ein nachfolgender Check in Wikipedia zeigte). Okay, auf die Details muss man manchmal vorläufig verzichten. Ohne Details (also grob und fahrlässig vereinfacht): Indiens Mittelschicht träumt von der Liebesheirat. Indiens Universitäten sind konservativ nach dem Muster des memorierenden Lernens strukturiert, Indiens intelligente Jugend rennt gegen die alten, verkrusteten Strukturen an, in diesem Film in der Gestalt eines Helden, der nicht buchstabengetreu lernt, sondern praxisbezogen, experimentell und phantasievoll, und damit die universitären Autoritäten herausfordert.

Mit dem öffentlichen Nahverkehr fuhren wir zum Sonnentempel in Galta, eine der seltenen Stätten, in denen der Sonnengott Surya verehrt wird. Dort empfing uns eine Frau, vielleicht Anfang, Mitte Vierzig: die Tempelhüterin. Sie weihte uns kurz in das Wichtigste ein und zeichnete uns nach unserer Opfergabe mit einem gelben Fleck auf der Stirn aus, der Glück und Segen bedeute, wie sie uns sagte. Wir bewunderten die Pujamaschine, die jüngste Anschaffung des Tempels. Damit konnte man es auf Knopfdruck ordentlich trommeln und schellen lassen… Dann bat mich die Tempelhüterin, auf den Tempelstufen Platz zu nehmen neben einer großen metallenen Kiste: Sie bot mir Andenken und Schmuck an. Obwohl sie zuerst enttäuscht war, weil ich nichts kaufte, entwickelte sich aus dem Verkaufsgespräch ein freundliches Frauengespräch, in dem wir uns über unsere Lebensumstände austauschten. Sie erzählte mir, dass sie drei Kinder hat, zwei Söhne und eine Tochter, alle verheiratet, zwei Enkelkinder waren auch schon da. Ein Sohn arbeitet als Programmierer in Jaipur für 7000 Rupien im Monat, ungefähr 130 Euro, das sei nicht sehr viel und für die Familie nicht ausreichend, die Schwiegertochter, eine ausgebildete Lehrerin, überlegt, ob sie nicht arbeiten gehen soll als Dozentin, die Bezahlung sei allerdings schlecht, nur wenn man an den staatlichen Schulen unterrichte, hätte man ein gutes Einkommen… (Wie in Deutschland, sagte ich.) Das Leben sei so teuer geworden in Indien, wegen all der Dinge, auf die man jetzt nicht mehr verzichten könne: das Mobiltelefon, das Auto, der Computer, das Internet… Sie wurde mit vierzehn Jahren verheiratet, she is a housewife, keeping the house clean, in India married women stay in the house, ja, immer noch, sagte sie auf meine Frage hin, auch die jungen Frauen. (Das gilt natürlich nur für eine bestimmte Schicht, die sich das leisten kann…) Ob wir Kinder haben, wollte sie wissen, ob ich arbeite, ob das ein guter Job ist, den ich mache, wer dann die Hausarbeit erledige: little you, little he? Ihre Wohnung war direkt am Tempel, ihr Mann Brahmanenpriester in einem anderen Tempel, sie wäre hauptsächlich allein tagsüber, denn hier hoch zum Sonnentempel kämen nur wenige Leute. Ich fragte sie, ob das Leben in Jaipur teuer sei, was man zum Beispiel für eine Mietwohnung zahlen würde. Sie sagte, ihre Großmutter besitze Häuser und vermiete Wohnungen für 2500 Rupien im Monat (zwei Zimmer, Küche, Bad), aber nur an Vegetarier, der Geruch von gebratenem Fleisch sei so grässlich und aus den Wohnungen nicht mehr rauszukriegen… Wir redeten auch über das Wetter, das für diese Jahreszeit viel zu heiß sei, sie habe schon eine ganz dunkle Haut bekommen von der Sonne, ich versäumte, ihr zu sagen, dass ich sie mit ihrer dunklen Haut schön finde. (Indiens Mittelklasse favorisiert vornehme Hellhäutigkeit, zumindest im Norden, heißt es…) Come back, sagte sie zum Abschied und schaute uns nach.




Wir flogen weiter über Land nach Agra.
(Ja, wir haben uns vorher auch das Fort von Amber angeschaut. Und sind durch Jaipurs Basar geschlendert: Pissoirs an den Straßenecken, pinkelnde Männer, es riecht nach Pisse, die Frage drängt sich mir auf: Wo sind eigentlich die Toiletten für die Frauen? Staub, Dunst, Räucherstäbchen, Sandelholzduft. Es gibt eine Stelle in Amos Oz’ wunderbarem autobiographischen Roman „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“, in der der Autor beschreibt, welche Attacken die orientalischen Basare für seine europäisch-bürgerlich geprägte Großmutter gewesen sind, vor allem in ihrer Unmittelbarkeit der Gerüche… Hello Madam. Just look. Gewühl, schöne Menschen, gemütlich einhertrottende Kühe, hupende Autos, klingelnde Fahrradrikschas, bunte Tücher, Schals, Hemden, Schuhe, Medizin, Büstenhalter, Fahrräder, Gewürze, Bananen, Orangen, Zitronen, Paradiesäpfel, Samosas, Zuckerrohr, frisch gepresst. Have a look. Hanuman, Ganesh, Lotus, Blumengirlanden, Abfallhaufen, Papier, Bücher, Hosen, Nähmaschinen, alte Hausfassaden und Stadttore in warmem Terrakotta und Rosa, kunstvolle Fenstergitter, Licht, Musik…)
Vor Agra besuchten wir noch Fatehpur Sikri, diese große Festungsanlage Akbars, des „Lustmoguls“, wie Du in Deinem Reiseroman schreibst. Auf dem Weg vom Busparkplatz zur Festung suchte sich uns ein sehr junger Verkäufer aus, ein Kind, vielleicht acht, neun Jahre alt, das uns ansprach: Woher wir kämen, wie lange wir in Indien bleiben würden, ob uns Indien gefiele… Er gab uns eine Visitenkarte und wies uns auf seinen Stand hin, dort am Busbahnhof. Wir sollten ihn doch nach Besichtigung des Forts aufsuchen… Das Kind war von ausgesuchter Höflichkeit und einem Stolz, der uns beeindruckte: Ich bin kein Bettelkind, sagte der Stolz des Jungen. Ich bin ein Händler. (Oder der Sohn eines Händlers.) Gleichzeitig tat der Stolz des Kindes weh: so früh schon eingebunden in die Pflicht der familiären Existenzsicherung, so früh auch schon festgelegt, bleiben da noch Chancen auf die spielerische Entwicklung anderer Fertigkeiten und Talente? Die Not der Familien lässt wenig Raum für die Begegnung mit anderen Lebens- und Bildungskonzepten. So ist es wie bei uns: die Herkunft bestimmt die Möglichkeiten. Nur ist der Kampf ums Überleben in Indien für viel mehr Menschen um sehr vieles härter als in Deutschland.
Frage an Uli, unseren Reisebegleiter: Ob er wüsste, wie viel ein Fahrer (unser Busfahrer) verdient? Er vermutet, ein Lohnarbeiter verdient in Indien ein bis zwei Euro am Tag, also 120 Rupien täglich. Was der Fahrer verdient, weiß er nicht.
Später lese ich bei Aravind Adiga, das durchschnittliche Jahreseinkommen in Indien habe 2008/2009 pro Kopf 37.490 Rupien betragen, das waren ungefähr 600 Euro (circa 103 Rupien bzw. 1,65 Euro täglich).
Agra
In Agra kamen wir an mit einer Vorwarnung im Gepäck: Besonders viele Schlepper wären hier unterwegs. Also fuhren wir schon mit einem Panzer ein, gepolt auf Abwehr. Mit diesem Schutzschild gingen wir nach dem Einchecken aus dem Hotel, um zu Fuß ein nahe gelegenes Restaurant aufzusuchen, das im Reiseführer empfohlen wurde. Ein Fahrradrikscha-Fahrer bot seine Dienste an, wir lehnten höflich ab, er begleitete uns bis zum Restaurant, ein schmaler Junge im Rollkragenpullover, vielleicht sechzehn, siebzehn Jahre alt, er stand vor dem Eingang, als wir aus dem Restaurant kamen, er wollte uns am nächsten Tag zum Taj Mahal fahren, wir sagten, wir wüssten noch nicht, wann, maybe at six, maybe at nine. Als wir am nächsten Tag um halb neun aus dem Hotel gingen, stand er schon da und sagte, er habe seit sechs Uhr gewartet. Er fuhr uns zum Taj Mahal.
Fahrradrikscha fahren: Wir beide so schwer, der Fahrer so dünn, aber kräftig, er schafft uns, manchmal ist es beschwerlich, ich möchte aussteigen und schieben oder mich leicht machen wie eine Feder, ich hebe eine Arschbacke vom Sitz und ziehe mein Gewicht in der Mitte meines Körpers zusammen. Als ob das was helfen würde.
An der Absperrung angekommen, fragte er uns, während wir zahlten, wann wir dort fertig wären. Wir wussten es nicht, vielleicht in einer, vielleicht in drei Stunden. Als wir drei Stunden später durch die Absperrung kamen, war er da, geduldig wartete er auf uns, bis wir das Schweizer Taschenmesser wiederhatten, das Wolfgang jemandem zur Aufbewahrung gegeben hatte, weil er es nicht mit hinein nehmen durfte. Ging dann mit uns weiter bis zu der Stelle, wo die Rikschas stehen, und machte uns dort mit seinem Vater und dessen „Tuk-Tuk“, dessen Motorrikscha bekannt. Für hundert Rupien sollte es zum Roten Fort und dann noch zum Basar gehen.
Tuk-Tuk fahren: Wie Auto-Scooter, Wendigkeit ist gefragt, Enge, plötzlich entgegenkommende Rikschas, schnelle Ausweichmanöver, hupende Autos, Fahrradklingeln.
Vater und Sohn fuhren uns in der Motorrikscha zum Roten Fort. Sie fuhren uns zum „local basar“, wo wir Kekse und Orangen kauften und Bonbons aus süßer Tamarinde (indischer Dattel) probierten. Dann wollte uns der Vater noch zum Souvenir-Basar bringen – Wolfgang wollte eigentlich nicht mehr, aber ich hatte eine Information im Kopf, nach der der Basar in Agra „echtes Indien und unbedingt sehenswert“ sei (und der „Local Basar“ hatte das nun nicht hergegeben) und sagte ja. Wir wurden vor einem Kleider- und Stoffgeschäft abgeliefert, wo es nichts gab, was wir hätten kaufen wollen. Draußen stiegen wir wieder in die Rikscha. Bevor der Fahrer losfuhr, drehte er sich zu uns um, steckte demonstrativ einen Geldschein in seinen Geldbeutel und erklärte uns: „Lesson in indish culture“ – Er habe dafür, dass er uns hierher gebracht hat, fünfzig Rupien kassiert. Hier war er also, der berüchtigte Schlepper Agras. Ich war bereit, das Spiel mitzuspielen und weitere Läden zu besuchen, um den Tagesverdienst eines Motorrikschafahrers aufzubessern – kaufen wollten wir nichts. Wenn aber just for fun, dann vielleicht in Läden, die für uns interessant sind? Also ein Musikgeschäft. Wir ließen uns eine Sithar und eine Shrutibox vorführen. Die indische Musik kennt wesentlich mehr und kürzere Tonintervalle als die westliche, 22 Mikrotöne (Shrutis) haben in einer Oktave Platz. So eine Shrutibox ist eine Art Miniziehharmonika in einem Holzkasten. Klingt schön. Ich kannte das Instrument schon von einem Freund in Kassel, der damit herumexperimentiert.
Nach der Musik landeten wir bei der Marmor-Intarsien-Verarbeitung. Kurze Einführung in das Handwerk: beeindruckende Feinarbeit, erlesene Materialien. Wirklich schön, aber wir wollten ja gar nichts kaufen, weder Tisch noch Lampenschirm noch Dosen oder Schneidbrett… Die Vorführung der Meisterstücke zog sich hin, Wolfgang zeigte schon deutliche Ermüdungserscheinungen. Der Inhaber versuchte noch, seine günstigsten Stücke bei uns loszuwerden, draußen wartete schon der Tuk-Tuk-Fahrer auf die Weiterfahrt zum nächsten Laden, aber Wolfgang wollte nur noch zurück ins Hotel, no more looking, no carpets. Vor dem Hotel strahlte der Fahrer uns freundlich an: „Are you happy?“ Da bricht es aus Wolfgang heraus, der ganze Stress ungewollter, aufgezwungener Verkaufsgespräche von Delhi bis Agra kam hoch und entlud sich auf den armen Rikschafahrer, der anscheinend nur höchstens die Häfte von dem verstand, was da nun auf ihn niederprasselte als lesson in european culture. Die indischen Werbe- und Geschäftspraktiken waren später auch Thema einiger Gespräche in der Gruppe. G. sagte, er fühle sich als „Objekt“, als wandelnder Geldbeutel. Betrachtungen zum Clash of Cultures: „Wenn die indischen Händler begreifen würden, dass es besser ist, den deutschen Touristen mehr Zeit und Ruhe beim Betrachten der Ware zu geben, könnten sie viel mehr verkaufen.“
Den Basar des „echten Indien“ fanden wir in Agra nicht – vielleicht hatte ich auch einfach etwas missverstanden. Und wo und was überhaupt ist das echte Indien. Und wann.




Die summenden Stimmen der Touristen, die die Grabstätten umkreisen im Taj Mahal. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, Schah Jahan und Mumtaz inmitten eines wirbelnden Stroms von Menschen . Beziehungsweise ihre leeren Sarkophage. (Der Reiseführer klärt darüber auf, dass sie in der Krypta unterhalb begraben sind…) Das ruhende Auge des Sturms. Wie alle idealen Geschichten, um die sich eine emsige Geschäftigkeit entwickelt. Mittelpunkt und Gegenbild zugleich. So viele leben davon, von der Poesie eines Traums, nicht nur die Postkartenverkäufer.
Taj Mahal und ich, sagen die Foto-Shootings auf der Plattform in der Mittelachse, wiederholen die klickenden Kameras, Individualität behauptend. Jedem sein eigenes Taj Mahal, bezeugt durch das Digitalbild, die Pose vor der Kamera, das Lächeln bei ausgestrecktem Arm ins Nichts, das die Kamera als vermeintliche Berührung festhält: hier die Hand auf der Kuppel, dort die Hand unter dem Fundament, Taj Mahal handlich. Eine große Erzählung auf Miniformat gebracht. Hier! Das bin ich vor dem Taj Mahal. Das bist Du.
Der Bau schwebt hell und licht vor dem blauen Himmel, trotz seiner Größe von einer beeindruckenden Leichtigkeit und Schönheit.
Varanasi
Nicht nur hier in Varanasi schauen die Schaufensterpuppen alle leicht depressiv drein, irgendwie unglücklich oder vielleicht auch schmollend? Jedenfalls lese ich später in Salman Rushdies „Mitternachtskinder“ vom Schmollmund der Parvati, der Geliebten des Helden Salem:
„Als Parvati-die-Hexe sich endlich ihr Scheitern eingestand, bekam sie über Nacht einen ausgeprägten, beunruhigenden Schmollmund. Sie schlief in der Hütte der Gummimenschen-Waisen ein, und beim Erwachen waren ihre vollen Lippen unsagbar sinnlich schmollend hervorgehoben. […] (In jenem Jahr trugen zufällig alle schicken Damen in den Städten aus erotischem Kalkül genauso einen Ausdruck zur Schau: die hochnäsigen Mannequins in der Eleganza-73-Modenschau liefen alle mit einem Schmollmund über den Laufsteg. In der entsetzlichen Armut des Magierslums befand sich die schmollende Parvati wenigstens in der Hinsicht auf der Höhe der Mode.)“
(Salman Rushdie, Mitternachtskinder)

Nicht nur hier in Varanasi ist die Religion in den Straßen allgegenwärtig, aber hier besonders. Die heilige Stadt Varanasi, eine der wichtigsten Pilgerstädte des Hinduismus. Eine heftige Stadt, verfallen, dreckig, chaotisch, laut, kaputt, auch in den Augen einiger Inder, die wir unterwegs trafen. Gleichzeitig faszinierend, voller sakraler Lebendigkeit mit all den Pilgern an den Ghats, betend, badend, opfernd, mit den Sadhus und den Devotionalienständen, mit seinen verstopften Straßen, den dürftigen Pilgerlagern auf Stroh unter Planen und den Klängen der Schellen, die vom Ganges her im Vorfeld der großen Feierlichkeiten zu Ehren der Göttin Ganga die Stadt erfüllen. Einst waren die Ghats Herrscherpaläste mit Zugang zum heiligen Fluss, nun sind sie zum Teil Gläubigengemeinschaften überantwortet, mit hohen Denkmalschutzauflagen wohl, es fehlt aber an Geld für Restaurierungen.
Wer als Hindu was auf sich hält und genügend Geld hat, möchte hier am Ganges bestattet werden.












Do you know the story of Kali, fragt Pooja, eine Marketing-Dozentin aus Bombay, mich später in Kassel. Einst ist Parvati, die Gattin Shivas, um Hilfe gegen einen Dämon gebeten worden. Parvati ist dieser Bitte nachgekommen, aber in ihrem Kampf gegen den Dämon selbst zur aggressiven, zerstörerischen Kali geworden. Einzig Shiva hat ihr Einhalt geboten, indem er sich ihr zu Füßen warf – als Kali Shiva erkannte, erfüllte sie Scham über ihre Raserei und sie beendete das Töten. Also hat die Liebe über die Aggression gesiegt, interpretierte ich, aber Pooja widersprach mir: es sei die Macht Shivas gewesen, die Kali gestoppt hätte, die Geschichte von Kali ein durch und durch patriarchaler Mythos, in dem Kali durch Shiva vollständig definiert sei…
Günther Grass hat in „Zunge zeigen“ diesen Parvati-Kali-Mythos zum Leitmotiv gewählt. Zunge zeigen als Zeichen für Scham. Er verbindet das mit den vielen Beispielen für die unsagbare Armut, die Schläfer nachts auf den Straßen, die Ausbeutung, die Ungerechtigkeit… Es ist die erschreckende Seite Indiens, die er zeichnet, das haben einige als zu einseitige Sichtweise kritisiert, auch Trojanow zum Beispiel, der länger in Indien gelebt hat. Aber das Erschrecken sitzt auch uns heutigen Reisenden in den Knochen. Es nicht zuviel Raum einnehmen zu lassen, die anderen, positiven, vitalen Seiten des Landes wahrzunehmen, ist für uns nicht immer leicht….
Überlandfahrt
Ich sitze im Bus hoch oben über der Straße und schaue auf die Fußgänger herab, die durch den aufgeweichten Boden waten, barfuß, mit Plastikschlappen, manchmal in Turnschuhen.
Ich sitze im Bus und fahre vorbei an verwahrlosten, halb verfallenen Häusern, an Hütten mit Strohdächern, an Zelten. Überlandfahrt.
Überall der als Brennmaterial aufgestapelte Kuhdung, mal in Scheiben, mal in Quadern geformt und kunstvoll geschichtet. Wer formt diese Dungteile? Was passiert, wenn – wie heute – der Regen kommt: weicht dann alles auf und fängt an zu stinken?
Später, in Kassel, frage ich Pooja danach. Sie sagt, die geschichteten Briketts seien eine Mischung aus Dung und Erde oder Ton, und Regen sei eher günstig, damit diese Mischung sich richtig verbindet… Kuhdung, sagt Pooja, würde nicht nur als Brennmaterial genutzt, sondern auch als Medizin, zum Räuchern. Ihm wird eine antibakterielle, desinfizierende Wirkung zugeschrieben.
Ich sitze im Bus und fahre an kümmerlichen, schiefen Verkaufsbuden vorbei, zusammengezimmert aus Holzlatten, bedeckt mit Stroh oder Stoff, manchmal mit blauen Plastikplanen, seltener Wellblech. Ich sehe auf die armseligen Pausentische von Landarbeitern, auf die Kühe, die Schweine, die Ziegen, die frei herumlaufen… Auf Haufen von Plastikabfall neben Haufen von Holzlatten neben Haufen von Fahrradrahmen (Zeichen einer für mich nicht durchschaubaren Ordnung: indische Mülltrennung?). Auf den Schlamm und den Morast – wie mag das hier aussehen, wenn der Monsum kommt?
Eine Frau schüttet sich mit den Händen Wasser ins Gesicht, ein Mann hockt am Brunnen und seift seinen Oberkörper ein.
Ich sitze im klapprigen Bus, der rumpelnd durch Schlaglöcher fährt, und schaue auf die Felder rechts und links der Straße, das satte Grün der Weizenhalme, das Gelb der Senfblüten. Ich schaue auf die Teakbäume und die Affen in den Ästen.
Die Sonne kommt wieder heraus. Wir fahren auf die indisch-nepalesische Grenze zu. Ich schaue auf die Wahlplakate, mit monochromen Köpfen vor quietschig-pastellfarbenen Hintergründen. Ich schaue auf die vielen Werbeschilder für Schulen und Bildungsinstitute. Auf die Traktoren mit den voll beladenen Anhängern, Möbeln, Kisten. Wanderarbeiter unterwegs?

Ich steige aus dem Bus und gehe durch eine Eingangstür in ein Foyer mit Couchsesseln und Tischchen. Ausgestopfte Tiger an der Wand blicken uns verloren-irrsinnig an, oldstyled Schränke und Kommoden versuchen gediegen dagegen zu halten. Ich bemerke, dass es hier muffig riecht, feucht, etwas nach Schimmel, länger nicht gelüftet. Ein Mann trägt mein Gepäck in ein großzügiges Zimmer, mit Bad, einem großen Spiegel, einer Toilette, einer Dusche. Wir befinden uns im ehemaligen Jagdschloss eines Maharadjas, nun Hotel für europäisches und anderes Bildungsbürgertum. Ich lege mich auf ein sauberes Bett und schließe die Augen.
Es gibt eine Stelle in Rushdies „Mitternachtskindern“ (übrigens ein sehr lesenswertes Buch), in der Amina ihre „Stadtaugen“ verliert: Plötzlich nimmt sie all die anderen Menschen war, die in ihrer Stadt Agra leben, die Bettler, die Kinder mit ihrer abgerissenen Kleidung, ohne Schuhe…
„Unter dem Druck dieser Straßen, die mit jeder Minute schmaler werden, mit jedem Zentimeter überfüllter, hat sie ihre ‚Stadtaugen’ verloren. Wenn man Stadtaugen hat, kann man die unsichtbaren Menschen, die Männer mit ihren von Elefantitis befallenen Eiern nicht sehen, und die Bettler in den Kistenwagen rempeln einen nicht an, und die einzelnen betongegossenen Stücke zukünftiger Abflussrohre sehen nicht wie Schlafsäle aus. Meine Mutter verlor ihre Stadtaugen, und die Neuheit dessen, was sie sah, ließ sie erröten, die Neuheit prasselte wie ein Hagelsturm auf ihre Haut. Sieh nur, mein Gott, diese schönen Kinder haben schwarze Zähne! Ist es denn die Möglichkeit… Kleine Mädchen, die ihre Brustwarzen entblößen! Wie schrecklich, wirklich! Und, Allah-tobah, Gott behüte, Straßenkehrerinnen mit – nein! wie grauenhaft! – verkrüppeltem Rückgrat und Reisigbündeln und ohne Kastenzeichen; Unberührbare, guter Gott!… und überall Krüppel, verstümmelt von liebenden Eltern, die ihnen ein lebenslängliches Einkommen aus Bettelei sichern wollen… ja, Bettler in Kistenwagen, erwachsene Männer mit Beinen wie Kleinkinder in Kisten auf Rädern, hergestellt aus weggeworfenen Rollern und alten Mangokisten; meine Mutter schreit auf: ‚Lifafa Das, kehren Sie um!’ Aber er lächelt sein schönes Lächeln und sagt: ‚Von hier an müssen Sie zu Fuß gehen.“
(Salman Rushdie, Mitternachtskinder)
Mag sein, dies ist eine mögliche Antwort auf die Frage eines Mitreisenden, sein Unverständnis gegenüber der indischen vermögenden Mittel- und Oberschicht: Warum diese nicht mehr dafür tut, das Elend zu verringern… Darin lebend, gewöhnt man sich vielleicht daran, man schützt sich dagegen mit Abstumpfung und Ausblendung. So, wie wir uns daran gewöhnen, dass es immer mehr Bettler in unseren Fußgängerzonen gibt und mehr Leute, die in den Abfallkörben nach Pfandflaschen suchen. Aber nun, in einem fremden Land, das uns die Augen aufreißt, fassungslos auf die schlafenden Obdachlosen starren, die die Grünstreifen an der Bahnhofstraße von Agra belegen oder die Bürgersteige von Varanasi …
„Stadtaugen“ in der Neuen Welt: In Richard Powers Roman „Schattenflucht“ verliert eine der Protagonisten, Adie, ihre Fähigkeit, Menschen nicht anzusehen. Plötzlich werden ihre Begegnungen in der Stadt zu Angriffen:
„Bettler zischten sie mit aller Dreistigkeit an. Personal beiderlei Geschlechts reichte ihr in den Läden ihre Einkäufe in zweideutige Angebote verpackt. Etwas war ihr verloren gegangen, ein Instinkt, ein Rhythmus des Überlebens. Nach einem Dutzend Jahren hatte sich New York gegen sie gewandt und jagte sie davon wie eine Landpomeranze. Eine weitere Pöbelei, diesmal von Schulkindern in Chelsa, die sie als Zielscheibe benutzten, und Adie begriff, was geschehen war. Sie vermied den Augenkontakt nicht mehr. War in die alte, fatale Angewohnheit zurückgefallen, Menschen anzusehen. Und wer in dieser Stadt jemanden ansah, der hatte schon verloren.“
(Richard Powers, Schattenflucht)
So ein Satz sollte nicht am Ende einer Reise stehen, nicht, bevor wir die Grenze zu Nepal überqueren. Wir haben nicht verloren. Den Gewinn zu benennen, fällt uns schwer. Irgendwie fühlte ich mich dauernd auf eine ungute Weise im Vorteil, so wie mich einer der jungen fliegenden Händler unterwegs ansprach: „Madam, you are rich“. Mit diesem verzweifelnden, bittenden, gleichzeitig anklagenden Blick, der mich bis in den Schlaf verfolgt hat. Manchmal muss man wohl eine Weile in einem fremden Land leben und auf dieses Land angewiesen sein, um sich wirklich im Nachteil zu fühlen gegenüber der Kultur dieses Landes … Um zu begreifen, wie wenig man von ihr weiß und wie relativ das eigene Weltwissen ist. Vielleicht muss man auch die Geschichten, die Tänze, die Legenden und Sagen dieses Landes noch besser kennen und sich fröhlich mit Inderinnen und Indern über deren Bedeutung unterhalten…. Dafür war unsere Kenntnis zu oberflächlich, diese Reise zu kurz. Sie hat mich nichtsdestotrotz lange beschäftigt. Und sie wirkt immer noch nach…
Andrea
Dank an Wolfgang für die Fotos, an Pooja und an Martina, und an Wulf Noll für seinen Reiseroman „Dann gute Nacht, Madame“.
